HintergrundVielen Jungen fehlt in der Kindheit die Möglichkeit, eine männliche Identität zu entwickeln. Verantwortlich dafür ist der vielerorts herrschende Mangel an männlichen Bezugspersonen für eine „männliche“ Sozialisation. Häufig fehlt den Jungs vor allem der langfristige Kontakt zu diesen Bezugspersonen. Im schlimmsten Fall wachsen Jungen bei alleinerziehenden Müttern auf, kommen im Kindergarten nur mit Erzieherinnen und in der Grundschule ausschließlich mit weiblichen Lehrkräften in Kontakt. Wie sollen sie in dieser Situation eine männliche Identität entwickeln? Das Fehlen geeigneter männlicher Vorbilder, sei es in der Vaterrolle oder in der Rolle eines Erziehers oder Pädagogen, lässt die Jungs auf Vorbilder aus den Medien oder dem näheren Umfeld zurückgreifen. Dies sind leider oftmals Varianten, die nicht unbedingt zur positiven Entwicklung der Heranwachenden beitragen. Der Junge will sich abgrenzen, auf jede erdenkliche Art und Weise anders sein als die Mädchen und die ihn umgebenden Frauen. Der Versuch der Abgrenzung macht sich häufig durch Rebellion gegen die weiblichen Bezugspersonen bemerkbar. In diesem Zusammenhang macht sich auch das auf Mädchen ausgerichtete, und bis zur weiterführenden Schule von Frauen dominierte Bildungssystem bemerkbar. Jungs wollen oft auf keinen Fall die gleichen „Blümchenbilder“ malen, und dieselben „langweiligen“ Spiele spielen wie die Mädchen. Auf die andersartigen Interessen der Jungen muss zielgerichtet eingegangen werden, zudem soll ihnen verstärkt die Möglichkeit gegeben werden, ihre verschiedenen Identitäten zu entwickeln.
In jedem Mann steckt auch ein „Krieger“, eine Natur, die sich nach Bewegung und Dynamik sehnt. Und - auch Jungs sehnen sich nach Körperkontakt, können diesen aber oft nur im Spiel erleben, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Der männlichen „Kämpfernatur“ muss die Möglichkeit gegeben werden, sich zu entfalten, da ansonsten keine Entfaltung des Mannes zu einer aufrechten, mutigen Person statt finden kann. Ziel der Kampfesspiele ist es, den „Krieger im Manne“ nicht zu unterdrücken, damit aus den Jungs keine „Memmen“, Feiglinge und „Drückeberger“ werden, die versuchen, durch Intrigen und Gemeinheiten Ziele zu erreichen. Sie sollen aufrecht und erhobenen Hauptes durchs Leben gehen und sich stark fühlen. Sie sollen erleben, dass dynamischer Körperkontakt Spaß macht und dabei ihre eigene Kraft spüren. Verschiedene mögliche Verhaltensweisen können erprobt und damit deren Reaktion getestet werden. Wichtig ist hierbei vor allem die freiwillige Basis, auf der alle Kämpfe statt finden.
Aber: Kraft, bzw. Stärke bedeutet auch Verantwortung! Die Jungs müssen daher lernen, ihre Kraft zu „zügeln“ und ihre Kräfte, die auch eine Macht darstellen, verantwortungsvoll einzusetzen. Kraft und Macht sollen nicht dazu missbraucht werden, sich selbst zu „erhöhen“ oder andere zu erniedrigen. In der Praxis hat sich gezeigt, dass jede Gruppe ihre eigene Dynamik hat und alle Jungs bei den Kampfes- und Integrationsspielen im Normalfall einmal zum Zuge kommen. Auch die sonst Schüchternen und eher Schwächeren werden meist von der Faszination des Kampfes gepackt und wollen nicht mehr aufhören. Sie gehen mit einem stark gewachsenen Selbstwertgefühl aus der Veranstaltung. Durch die offene Atmosphäre kommen während des Workshops oft auch persönliche Probleme der Jungen zur Sprache. Auch heikle Themen stellen in diesem Setting kein Tabu dar. Erfahrungen aus der Praxis zeigen Erstaunen und Verwunderung bei den Teilnehmern in folgenden Themenbereichen:
Die Jungs erleben, dass es sinnvoll ist, zusammen zu halten und, dass man auf den Anderen achten muss. Gleichzeitig realisieren sie das gute Gefühl eines gemeinsamen Sieges. Die Wertschätzung des Anderen wird durch vor und nach jedem Kampf durchgeführte spezielle Rituale zum Ausdruck gebracht. Dieser fundamentale Teil des Konzeptes wird stets mit äußerst großer Sorgfalt praktiziert. Zur Stärkung des Klassenverbandes - vor allem für sehr lebhafte Klassen oder Klassen mit Grüppchenbildung und ausgegrenzten Schülern - stellt diese Art der Gewaltprävention eine hervorragende Methode da, um zur „Normalisierung“ der Gruppe beizutragen.
Im Rahmen der oben bereits erwähnten Kampfesspiele und anderer Methoden entsteht eine völlig neue Dynamik im Umgang der Jungen miteinander. Bestehende Strukturen werden aufgebrochen und Jungen, die vorher noch Außenseiter waren, werden in den Klassenverband integriert. Demgegenüber passiert es nicht selten, dass diejenigen, die sonst „die große Klappe haben", plötzlich gar nicht mehr die „Helden“ sind. Es findet eine „Normalisierung“ statt, indem die Jungen realisieren, dass jeder auf seine Art und Weise eine Bereicherung ist und seine individuellen Stärken und Schwächen hat. Die Wertschätzung der Jungen untereinander wächst und sie erleben die Bedeutung von Fairness und Respekt. Es findet eine Stärkung des Klassenverbandes statt und die werdenden Männer lernen Verantwortung füreinander sowie für ihr Handeln zu übernehmen.
Daneben vergeben wir Tipps, wie man sich am besten in konfliktreichen Situationen verhält, also auf Angriffe verschiedenster Art (auch verbale und jene psychischer Art) angemessen zu reagieren. Es wird auch der Umgang mit den Provokationen von Seiten der Mädchen thematisiert. Lehrkräften und Schulleitung möchte ich an dieser Stelle ans Herz legen, dem bei Jungen von Grund auf vorhandenen, sehr hohen Bewegungsdrang ausreichend Entfaltungsmöglichkeiten bereit zu stellen. Beispielsweise gibt es für viele nichts schlimmeres, als in der Pause bei schlechtem Wetter im Klassenzimmer bleiben zu müssen. Die Auswertung der bisherigen Workshops hat gezeigt, dass die meisten Schüler sich wöchentlich, sogar täglich, einen derartigen Workshop wünschen. Die Begeisterung der Jungs für faire Kämpfe, anspruchsvolle Spiele, der Wunsch nach viel Bewegung und ihr Wissensdurst sind nicht abzustreiten.
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